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Anstoss

Der CSD und das Prinzip Pappnase

Von Tobias Peter, 03.07.09, 14:45h, aktualisiert 07.07.09, 14:30h

Karneval? CSD? Wo ist der Unterschied? Der „Christopher Street Day“ ist so kommerziell und berechenbar geworden wie die Musik, die in den meisten erfolgreichen Großraum-Discos gespielt wird. Anstoß - der tägliche Kommentar auf ksta.de.

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Bunt und schrill, aber auch politisch? Ein Teilnehmer beim Kölner CSD. (Bild: Archiv/dpa)
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Bunt und schrill, aber auch politisch? Ein Teilnehmer beim Kölner CSD. (Bild: Archiv/dpa)
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Der Christopher-Streeet-Day in der Innenstadt. (KSTA-Grafik: Böhne)
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„Drink doch eene mit, stell dich nit esu an.“ Köln hat verrückte Tage vor sich. Menschen über Menschen werden auf den Straßen feiern, lachen und flirten. Nicht wenige von ihnen präsentieren sich in gewagten Kostümen. Dabei ist überhaupt kein Karneval. Nein, es ist „Christopher Street Day“. Da wird für die Rechte und gegen die Ausgrenzung von Schwulen und Lesben demonstriert. Heißt es.

Doch genau so, wie die Macher des Rosenmontagszugs sich als politisch mutlos erwiesen haben; genau so, wie sie das kommunalpolitische Thema „Beraterverträge“ komplett verschenkt haben: Ganz genau so werden vom CSD auch in diesem Jahr keine wirklichen Impulse ausgehen. Karneval und CSD sind sich sehr ähnlich geworden. Beide sind große, beliebte Partys. Nicht mehr, nicht weniger.

Zur politischen Müdigkeit vieler Homosexueller trägt sicher bei, dass es in den vergangenen Jahren erfreulich viele gesellschaftliche Fortschritte gegeben hat. Doch warum haben Schwule und Lesben mit denselben Pflichten in der Homo-Ehe wie „herkömmliche“ Ehepaare nicht dieselben Rechte? Warum traut sich kein Profi-Fußballer das „Coming Out“ zu? Ist es vielleicht doch noch kein Zeichen umfassender gesellschaftlicher Toleranz, dass in kaum einer Vorabendserie ein schwules Pärchen fehlt?

Es braucht noch nicht einmal die altbekannten Feindbilder wie den Papst, um einen Anlass für einen durch und durch politischen CSD zu finden. Alle reden über Köln als „die“ tolerante Stadt. Doch längst nicht überall geht es so offen zu wie rund um den Rudolfplatz. „Schwul“ ist auf viele Pausenhöfen das Schimpfwort Nummer Eins - und es gibt Lehrer, die weghören.

Die Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland ist sehr differenziert. Bei genauem Hinsehen stimmt nicht mal, dass es Homosexuelle auf dem Land immer schwieriger haben als in der Großstadt. Meist mag das so sein. Es gibt aber auch lesbische Dörfler, die erzählen: „Das ist hier allen egal. Wichtig ist, dass du regelmäßig den Bürgersteig fegst.“ Klar ist: Wer behaglich lebt, neigt eher dazu, zum CSD zu Hause zu bleiben oder nur zu feiern. Nur: Gerade die, denen es gut geht, müssten für alle anderen mitkämpfen. Solidarisch.

Die gesellschaftliche Normalität

Die unpolitische Grundhaltung zeigt zugleich nicht zuletzt, wie weit Lesben und Schwule in dieser Hinsicht in der gesellschaftlichen Normalität angekommen sind. Gibt es heute noch echte Protestbewegungen? Müssten nicht junge Menschen angesichts der Staatsverschuldung wöchentlich auf die Straße gehen? Wieso kommt keiner auf die Idee zu demonstrieren, wenn er zum Berufseinstieg jahrelang von Praktikum zu Praktikum weitergereicht wird? Kaum einer glaubt, gemeinsam etwas erreichen zu können. Das Credo, vor allem in der jungen Generation, lautet zumeist: „Ich komm' allein schon irgendwie durch.“

Der „Christopher Street Day“ ist so kommerziell und berechenbar geworden wie die Musik, die in den meisten erfolgreichen Großraum-Discos gespielt wird. Kirmes-Techno. Das ist keine Katastrophe, aber eben auch nicht besonders schön. Um ein spezielles Kölner Phänomen handelt es sich dabei nicht. Und doch passt der CSD in dieser Form besonders gut in die Stadt, zu ihrer Mentalität. Fröhlich, aber nicht immer zielführend. Denn hier gilt noch immer: Gibt es ein Problem? Ach, komm, mit einer Pappnase ist es gleich viel besser.



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